02.02.2015

Homo homini amicus - das anarchistische Menschenbild

Wenn ich mit Etatisten über Anarchie diskutiere, können oft viele Stunden vergehen. Am Ende stößt
man aber immer auf den gleichen Punkt, auf den eigentlichen Kern der Diskussion. Es geht um das
Menschenbild. Das Menschenbild ist es, was den Anarchisten vom Etatisten unterscheidet.
Wenn Hobbes den Staat begründet, geht er davon aus, dass im Naturzustand der Mensch dem
Menschen Wolf ist.
Man benötige also einen Staat, weil der Mensch sonst ein böses, unmündiges Wesen sei.
Aber ist das wirklich so?

Zunächst ist zu bemerken, dass die Behauptung, der Mensch sei von Natur aus schlecht, auf
Erfahrungen aus der staatlichen Welt basieren.
Ein Etatist weiß genauso wenig wie ein Anarchist, wie sich der Mensch im natürlichen Zustand
verhalten würde.
Man muss aber davon ausgehen, dass der natürliche Mensch ein wirklich anderer als der jetzige ist.
Schon das junge Wesen wird maßlos staatlich manipuliert.
Auch wenn einem heutzutage meist suggeriert wird, man werde zum mündigen Bürger erzogen, so
ist dies falsch.
Bereits in der Schule geht es nicht um Mündigkeit, um das selbstständige Finden einer Lösung, es
geht darum, Autoritäten anzuerkennen und eine offizielle Wahrheit anzunehmen.
Man kann, wenn man die Menschen aus verschiedenen Staaten vergleicht, durchaus feststellen, dass
der Staat einen großen Einfluss auf das Verhalten der Bürger hat.
Menschen aus Ländern, die vollkommen autoritär regiert werden, sind vollkommen unmündig,
während Menschen aus semi-kapitalistischen Systemen zumindest teilweise mündig sind.
Als Beispiel dienen hierfür die Menschen aus der ehemaligen DDR.
Viele Menschen aus der ehemaligen DDR kommen mit dem BRD-System nicht klar, obwohl die
meisten, die in der BRD aufgewachsen sind, damit relativ gut klar kommen.
Die DDR, die ein komplett sozialistisch-autoritäres System hatte, erzog seine Bürger zur
vollkommenen Unmündigkeit. Deshalb kommen die Menschen, die in ihr aufgewachsen sind, zum
großen Teil nicht wirklich mit dem System der BRD klar, obwohl die BRD wirklich nicht vor
Entscheidungsfreiheit strotzt. Man sieht also, dass Menschen so eigenständig und mündig sind, wie
es ihr System zulässt.
Selbiges gilt auch für gewalttätige Handlungen.
In nicht militaristischen Systemen gibt es natürlich vereinzelte Straftäter, aber in militaristischen
Systemen, wie dem Dritten Reich, schaffte es der Staat, dass ganz normale Familienväter zu
grausamen KZ-Wächtern wurden. Wieso? Weil sie vom Staate manipuliert wurden.
Auch hier sieht man, dass neben vereinzelter Gewalt, die es in jedem System gibt, der Staat durch
seine Manipulation Menschen zu anderen macht, als sie im Naturzustand wären.
Oft wird auch argumentiert, dass sich in der Anarchie direkt irgendwelche Menschen zum Führer
aufspielen würden. Da herrscht aber auch ein Denkfehler.
Der Weg zur Anarchie ist ein Prozess, ein Aufklärungsprozess.
Wenn man also von heute auf morgen eine Anarchie einführen würde, so ist es klar, dass diese zu
Anomie führen würde.
Wenn die Menschen begreifen, dass sie von Freiheit profitieren, werden sie auch nicht auf den
ersten Führer reinfallen, der ihnen in der Anarchie über den Weg läuft.
Man muss außerdem bedenken, dass jedes System nur auf Stabilität von innen, auf grundsätzlichem
Rückhalt in der Bevölkerung basiert.
Auch die Demokratie funktioniert (heißt, sie wird nicht gestürzt) nur, weil der Großteil der
Bevölkerung mehr oder weniger hinter ihr steht oder sie zumindest als alternativlos betrachtet.
Gesetzt, der Großteil der Menschen wollte auf einmal wieder eine Monarchie, wäre diese innerhalb
kurzester Zeit da.
So funktioniert eine Anarchie, weil die Menschen durch einen Aufklärungsprozess erkannt haben,
dass Zwang und Herrschaft falsch sind.

Zum Schluss muss man sich noch eine philosophische Frage stellen.
Wenn der Mensch doch ein solch schlechtes Wesen ist, wieso möchte man dann Institutionen
schaffen, die verhindern, dass sich alle Menschen die Köpfe einschlagen?
Das widerspricht jeglicher Logik.
Man könnte natürlich entgegnen, dass es wenige schlechte Menschen gibt, die in einer Anarchie alle
anderen guten unterdrücken, aber da sollte doch jedem auffallen, dass dies nur Institutionen wie der
Staat schaffen können. Die wenigen Bösen können sich in einer Anarchie nicht gegen die vielen
Guten behaupten. Wer aber als Böser an der Spitze eines Staates steht, der ist in der Lage, viele
Menschen zu unterdrücken, in einer Anarchie erhängt er sich irgendwann, weil niemand mit ihm
spielen möchte.


Von Jan-Lasse Müller-Mütz