31.01.2017

Kann Anarcho-Kapitalismus funktionieren? - Lew Rockwell

Der Begriff „Anarcho-Kapitalismus“ hat, so kann man das sagen, etwas Interessantes an sich. Aber auch wenn der Begriff selbst Neulinge aufschreckt, sind die Ideen, die er verkörpert, fesselnd und anziehend und repräsentieren den Höhepunkt einer langen Gedankenentwicklung.

Wenn ich diesen Begriff auf ein paar Einsichten reduzieren müsste, wären es folgende: (1) Jedes menschliche Wesen, um John Lockes Worte zu verwenden, hat „ein Eigentum an seiner eigenen Person“; (2) es muss einen einzigen moralischen Kodex für alle Menschen geben, sei dieser vom Staat gestellt oder nicht; und (3) die Gesellschaft kann sich selbst ohne ein zentrales Kommando aufrecht erhalten.

Vom ursprünglichen Eigentum, das man in Form seiner eigenen Person genießt, kann man die Rechte des Individuums ableiten, einschließlich der Eigentumsrechte. Führt man diesen Gedanken bis zum korrekten Fazit Rothbards fort, setzt diese Einsicht den Staat außer Kraft, da der Staat auf einer Basis der systematischen Verletzung der Rechte des Individuums funktioniert und überlebt. Wäre dies nicht der Fall, würde es sich nicht länger um einen Staat handeln.

Während der Staat die individuellen Rechte verletzt, versucht er, sich von den moralischen Gesetzen, die wir in allen anderen Teilgebieten des Lebens als selbstverständlich betrachten, zu befreien. Was Diebstahl genannt werden würde, wenn es von einem privaten Individuum angestiftet wäre, ist für den Staat Besteuerung. Was Entführung genannt werden würde, ist für den Staat Wehrpflicht. Was für alle anderen Massenmord genannt werden würde, ist für den Staat Krieg. In jedem Fall kommt der Staat ungestraft mit moralischen Ungeheuerlichkeiten davon, da die Öffentlichkeit dazu konditioniert worden ist, zu glauben, dass der Staat ein Gesetz an sich ist und nicht an die gleichen moralischen Standards gebunden werden kann, die wir an uns selbst ausüben.

Aber es ist die dritte dieser Ideen, die ich gerne etwas ausführen möchte. In den Passagen ihrer moralischen Traktate, die sich auf die Ökonomie beziehen, haben die Spätscholastiker, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert, die Idee herausgearbeitet, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt, die über die Gesellschaftsordnung herrschen. Sie haben notwendige Beziehungen aus Ursachen und Wirkungen entdeckt. Es gab zum Beispiel eine klare Verbindung zwischen dem Zufluss von Edelmetallen nach Spanien von der Neuen Welt und dem dortigen Phänomen der Preisinflation. Sie haben angefangen zu verstehen, dass diese sozialen Regelmäßigkeiten kalte Tatsachen sind, die von der politischen Autorität nicht außer Kraft gesetzt werden können.

Diese Einsicht reifte dann mit den klassischen Liberalen des 18. Jahrhunderts und dem allmählichen Aufkommen der Wirtschaftslehre als eine vollwertige, unabhängige Disziplin. Das – so Ludwig von Mises – ist der Grund, warum Diktatoren die Ökonomen hassen. Wahre Ökonomen erzählen dem Herrscher, dass es Grenzen darin gibt, was er mit seiner reinen Willenskraft erreichen kann, und dass er die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht aus der Welt schaffen kann.

Im 19. Jahrhundert hat Frédéric Bastiat diese Einsicht sehr stark betont. Wenn diese Gesetzmäßigkeiten existieren, dann müssen wir sie lernen und verstehen, aber sicherlich nicht so närrisch sein und versuchen, sie außer Kraft zu setzen. Umgekehrt, hat er gesagt, gäbe es keine solchen Gesetzmäßigkeiten, dann wären Menschen nichts als reaktionsträge Materie, auf welcher der Staat ganz gerne seinen Aufdruck stempeln will.
Er schrieb:
„Denn wenn es allgemeine Gesetze gibt, die unabhängig von geschriebenen Gesetzen funktionieren, und die letztlich nur von letzteren zu regularisieren sind, müssen wir diese allgemeinen Gesetze studieren; sie können das Objekt von wissenschaftlicher Forschung sein, und hierfür gibt es so etwas wie die Wissenschaft der politischen Ökonomie. Wenn, im Gegensatz dazu, die Gesellschaft eine menschliche Erfindung ist, wenn Menschen nur träge Materie sind auf welche ein großes Genie, wie Rousseau es sagt, Gefühle und Willenskraft, Bewegung und Leben prägen muss, dann gibt es keine solche Wissenschaft wie die politische Ökonomie: Es gibt nur eine unbestimmte Anzahl von möglichen und bedingten Konstellationen, und das Schicksal von Nationen hängt von dem Gründungsvater ab, welchem das Glück deren Schicksal anvertraut hat.“

Der nächste Schritt in der Entwicklung dessen, was später zum Anarcho-Kapitalismus werden sollte, war der radikale Schritt des Gustave de Molinari in seinem Essay „Die private Produktion von Sicherheit.“ Molinari hat sich gefragt, ob die Produktion von Verteidigungsleistungen, dessen Ausführung durch den Staat sogar die klassischen Liberalen als selbstverständlich ansahen, durch private Firmen im Marktwettbewerb erreicht werden könnte. Molinari verweist eindrücklich auf die Erkenntnis, wie wir sie bis hierher ausgearbeitet haben, dass die Gesellschaft in fixierten, klaren Regeln funktioniert. Wenn das der Fall ist, sagte er, dann liegt die Bereitstellung dieses Dienstes unter den exakt selben Gesetzmäßigkeiten des freien Wettbewerbs, unter denen die Produktion aller anderen Güter steht. Würden die Probleme eines Monopols nicht bei jedem Monopol existieren? Sogar beim Staat, wo wir konditioniert wurden, zu glauben, dass es sich hier um ein unvermeidbares und gütiges Monopol handelt?

„Es ist eine Beleidigung für die Vernunft, zu glauben, dass ein gut etabliertes Naturgesetz irgendwelche Ausnahmen haben kann. Ein Naturgesetz muss immer und überall halten, oder es ist ungültig. Ich kann zum Beispiel nicht glauben, dass das universelle Gesetz der Schwerkraft, das die physische Welt beherrscht, jemals irgendwann oder irgendwo außer Kraft gesetzt wird. Jetzt nehme ich an, dass ökonomische Gesetzmäßigkeiten mit Naturgesetzen vergleichbar sind, und ich habe genau so viel Glauben an das Prinzip der Arbeitsteilung wie ich sie an das universelle Gesetz der Schwerkraft habe. Selbst wenn diese Prinzipien gestört werden können, glaube ich, dass sie ohne Ausnahme gelten.Wenn das der Fall ist, sollte die Produktion von Sicherheit nicht von der Rechtsprechung des freien Wettbewerbs herausgelöst werden; und wenn doch, erleidet die Gesellschaft als ganze einen schweren Verlust.“

Es war Murray N. Rothbard, der das kohärente, konsistente und konsequente Gedankensystem entwickelte – aus dem klassischen Liberalismus, dem amerikanischem individualistischem Anarchismus und der Österreichischen Schule der Nationalökonomie – welches er Anarcho-Kapitalismus nannte. In seiner Karriere hat Rothbard in Dutzenden von Büchern und Tausenden von Artikeln dem Staat eine einschneidende, verkümmernde Analyse auferlegt, wie sie noch nie zuvor gesehen wurde. Ich habe mein Buch Against the State diesem großartigen Pionier und guten Freund gewidmet.

Aber kann der Anarcho-Kapitalismus funktionieren? Es ist schön und gut, moralisch und philosophisch Einspruch gegen den Staat zu erheben, aber wir werden ein plausibles Szenario brauchen, in welchem die Gesellschaft sich selbst in Abwesenheit eines Staates regelt, selbst auf den Gebieten von Gesetzen und der Verteidigung. Das sind ernste und schwierige Fragen, und unbedachte Antworten werden natürlich nicht ausreichen, aber ich möchte zumindest ein paar Ideen vorschlagen.

Die klassische Weisheit ist es, dass wir ohne einen monopolistischen Anbieter dieser Dienste zum Hobbeschen Naturzustand zurückkehren, in dem sich jeder mit jedem im Krieg befindet und das Leben „einsam, arm, übel, brutal und kurz“ ist. Eine unaufhörliche Serie von Angriffen einer Person gegen eine andere entsteht und die Gesellschaft sinkt immer tiefer in die Barbarei.

Eines sei gesagt: es ist nicht einmal klar, dass die Logik hinter den Ängsten von Thomas Hobbes Sinn macht. Wie Michael Huemer aufzeigt, postuliert Hobbes eine annähernde Gleichheit menschlicher Wesen in der Hinsicht, dass niemand von uns gänzlich unverwundbar ist. Er sagt, wir alle sind mögliche Mordopfer durch die Hände anderer. Ebenso beharrt er darauf, dass menschliche Wesen durch Eigennutz motiviert, und tatsächlich gänzlich davon besessen sind.

Jetzt nehmen wir an, dass das alles wahr ist: Alles, was uns wichtig ist, ist unser Eigennutz, unsere Gesundheit, unsere Sicherheit. Würde es für uns Sinn machen, rauszustürmen und andere Leute anzugreifen, wenn wir eine 50%-Chance haben, nicht mit dem Leben davonzukommen? Selbst wenn wir im Kampf erfahren sind, verbleibt ein beträchtliches Risiko, dass ein Angriff, den wir ausführen, für uns tödlich enden wird. Wie treibt das unseren Eigennutz voran?

Hobbes spricht ebenso von präventiven Angriffen, dass Leute sich gegenseitig angreifen aus der Angst, dass die anderen sie zuerst angreifen. Wenn das wahr ist, dann ist es sogar noch irrationaler für Leute, herumzustürmen und andere anzugreifen: Wenn ihre Artgenossen dazu neigen, präventiv die Leute anzugreifen, vor denen sie Angst haben, wen würden sie mehr fürchten als die Leute, die wahllos Leute angreifen? Mit anderen Worten, je mehr man Leute angreift, desto mehr öffnet man sich gegenüber präventiven Angriffen durch andere. Hier sehen wir einen weiteren Grund, warum es keinen Sinn macht – aus der Sichtweise des selben Eigennutzes, von dem Thomas Hobbes insistiert, dass jeder durch ihn motiviert ist – dass Leute sich so verhalten, wie er es annimmt, dass sie es tun müssen.

Was das Gesetz angeht, zeigt die Geschichte eine Fülle von Beispielen, was man ein Gesetz von unten nach oben nennen kann; dass sich gesetzliche Normen durch normale menschliche Interaktion und der Anhäufung von Grundprinzipien entwickeln. Wir neigen dazu, vom Gesetz von Grund auf von einer Institution von oben nach unten zu denken, da wir das Gesetz mit dem modernen Phänomen der Legislative verwechseln. Jedes Jahr schütten die legislativen Kräfte eine atemberaubende Menge an neuen Gesetzen, Regulierungen und Verboten aus. Wir betrachten das als normal, auch wenn es sich dabei aus historischer Sicht eigentlich um eine Anomalie handelt.

Es war einst normal, das Gesetz wahrzunehmen als etwas, was entdeckt und nicht gemacht wird. Mit anderen Worten: die Prinzipien, die Gerechtigkeit konstatieren und durch die Menschen in Harmonie zusammenleben, sind abgeleitet worden aus einer Kombination der Reflektion über ewige Prinzipien und der praktischen Ausübung dieser Prinzipien in Einzelfällen. Die Idee, dass eine legislative Kraft die Vertragsgesetze aushebeln und sagen könnte, dass beispielsweise ein Vermieter die Miete auf eine Höhe begrenzen müsse, die der Staat akzeptabel findet, wäre unglaublich gewesen.

Das englische Gewohnheitsrecht, zum Beispiel, war ein System von unten nach oben. Im Mittelalter wurde das Handelsrecht ganz ohne den Staat entwickelt. Und heute in den Vereinigten Staaten ist das Angebot an privaten Schlichtungsdiensten explodiert, da Leute und Firmen nach Alternativen zu einem staatlichen Gerichtssystem suchen, von dem jeder weiß, dass es ineffizient, zeitaufwändig und oft ungerecht ist.

PayPal ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie der private Unternehmenssektor mittels kreativer Wege, die die Unantastbarkeit von Eigentum und Vertrag garantieren, staatliche Inkompetenz umgeht. Lange Zeit musste Paypal gegen anonyme Betrüger auf der ganzen Welt kämpfen. Die Firma spürte die Übeltäter auf und berichtete an das FBI. Doch nichts passierte.

Enttäuscht von staatlichen Lösungen entwickelte PayPal eine ausgeklügelte Herangehensweise: man entwickelte ein System, mit dem man in der Lage war, präventiv zu entscheiden, ob eine Transaktion wahrscheinlich betrügerisch ist. So musste man keine Übeltäter verfolgen, deren kriminelle Aktivität verhindert wurde, bevor überhaupt ein Schaden angerichtet wurde.

Solch kleine Wunder entstehen überall im freien Sektor der Gesellschaft, ohne dass wir ermutigt werden, viel darüber zu lernen. Erinnern Sie sich, als das Zentrum für Krankheitsbekämpfung falsche Aussagen und mangelhafte Empfehlungen über den Umgang mit Ebola herausgab; es war eine Firestone-Firmensiedlung in Liberia, die mehr für die Sicherheit und Gesundheit der örtlichen Bevölkerung getan hat, als jede öffentliche Behörde in Afrika.

Es gibt noch sehr viel mehr zu sagen über die Bereitstellung von Gesetz und Verteidigung in einer freien Gesellschaft, und ich schreibe einiges darüber am Ende von Against the State. Aber der Grund, warum wir uns auf diese Themen konzentrieren, ist, dass wir erkennen, dass der Staat nicht reformiert werden kann. Der Staat ist ein Monopolist der aggressiven Gewalt und eines massiven Wohlstandstransfermechanismus. Und er tut genau das, was zu tun in seinem Wesen liegt. Der utopische Traum einer „begrenzten Regierung“ kann nicht in die Tat umgesetzt werden, da die Regierung kein Interesse daran hat, begrenzt zu bleiben. Eine kleinere Version von dem, was wir jetzt haben, auch wenn das eine bessere Alternative wäre, kann keine stabile Langzeitlösung sein. Also müssen wir verstehen, wie man ohne den Staat oder ohne dessen Parasitismus leben kann.

Das Ziel dieses Buches ist es, freiheraus zu reden – manchmal in einer schockierenden Art und Weise – um Leser aus ihrer intellektuellen Starre zu lösen, in welche die herrschende Klasse und deren System von Jugendindoktrination sie versetzt haben. Wir hätten eine Chance, wenn die meisten Leute sich den Ideen in diesem Buch bewusst wären, überhaupt in unserer Denktradition. Sie würden niemals auf die staatliche Propaganda, auf Apologien und auf Doppelmoral hereinfallen. Sie würden sich von diesen Verfälschungen und Verheimlichungen sogar beleidigt fühlen.

Das ist es, was wir am Mises-Institut tun. Wir veröffentlichen keine „Berichte über Politik“ in der vergeblichen Hoffnung, dass der Kongress gegen sein eigenes Wesen wirkt und nach Freiheit strebt. Jeder dieser Berichte landet im Papierkorb. Sie werden dazu benutzt, den Naiven Glauben zu machen, dass die Denkfabriken in Washington, die sie unterstützen, einen Einfluss in Washington haben.

Stattdessen verbreiten wir die Wahrheit über den Staat, kompromisslos und ohne uns zu rechtfertigen. Der Grund, warum Ron Paul so viele junge Menschen angezogen hat, war, weil sie spürten, dass er mit ihnen in verständlicher Sprache redet, und nicht in “politikanisch”. Er hat offen und wahrheitsgetreu gesprochen, ohne Rücksicht auf die Rügen und Einschüchterungen, die er deswegen von den Medien erhielt.

Wir haben versucht, Rons Vorgehensweise nachzueifern – und natürlich sind wir hocherfreut, Ron als einen ausgezeichneten Berater des Instituts seit dessen Gründung und auch als Mitglied unseres Vorstands zu haben. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass wir irgendetwas anderes tun könnten als offen und direkt darüber zu reden, von dem wir wissen, dass es wahr ist. Es ist einfach, zahnlose Aufsätze über Politiken zu veröffentlichen. Es ist schwieriger, sich auf Krieg, die Federal Reserve und das wahre Wesen des Staates an sich zu konzentrieren. Aber das ist der Weg, den wir bereitwillig gewählt haben.

Wir hoffen, dass Sie sich unserer Mission anschließen.
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Aus dem Englischen übersetzt von Vincent Steinberg. Der Originalbeitrag mit dem Titel Can Anarcho-Capitalism Work? ist am 14.11.2014 auf der Website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.